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Auf den Punkt

Uwe Bührers Rache...

…oder die Suche nach dem Happy End.

„Es war einmal…", so muss wenigstens ein Bericht über Spiele mit Kassler Beteiligung beginnen, auch wenn die Gebrüder Grimm in der Folge keine Hauptrolle bekleiden werden. Eher schon Fabian Rudloff, welcher eine interessante Frage aufwarf. Mit der Aussage konfrontiert, dass Kassel absolut verdient in das Finale gegen den TV Augsburg eingezogen ist, entgegnete er: „Hätten wir in den letzten 10 Minuten unseren 7:3 Vorsprung verteidigen können, stünden wir dann unverdient im Finale?". Eine gute Frage.

Ganz rational muss man es vielleicht so sagen. Die Zuschauer sahen ein hochklassiges Halbfinale, mit zwei sehr unterschiedlichen Teams. Auf Seiten der TGW Kassel Wizards durchweg abgezockte Einzelkönner, aber kein richtiger Torwart. Die Red Devils Berlin  schickten ein taktisch perfekt eingestelltes Team, mit viel Herz und großer Laufbereitschaft, dazu mit Nagat und Rudloff die herausragenden Individualisten, trat aber insgesamt mit deutlich weniger Routine und Extraklasse „in der Breite“ an, dafür allerdings mit Torhütern. Diese Rahmenbedingungen führten zu einer Auseinandersetzung, welche an taktischer und individueller Qualität, Spannung und Dramatik kaum zu toppen sein dürfte. In der Spitze lag die Latte so hoch, dass es wohl auch für Manni Schmitz nicht möglich wäre aus seinem aktuellen A-Nationalkader eine Reihe zu nominieren, mit welcher Rudloff, Forster, Nagat und Mecke ernsthafte Probleme bekommen würden.

Sonntag, Osdorfer Straße, 10 Minuten vor dem Ende schienen die Wizards entzaubert (wir zitieren hier F. Rudloff, der Presseabteilung wäre diese Formulierung schlicht zu sehr „Bildzeitung“), eine Überzahl und ein Torwartfehler brachten Kassel zurück. Das Spiel aus der Hand gab Berlin aber letztlich aufgrund einer dummen und äußerst unnötig erbettelten Strafzeit, mit Verletzungsfolge. Timo Heinrich möchten wir an dieser Stelle ausdrücklich im Namen von Berlin Buffalos und Red Devils Berlin beste Genesungswünsche übermitteln. Besagtes Foul zeigte sich so eindeutig, dass es auch für die Lüneburgconnection des Halbfinalrückspieles nicht zu übersehen war, obwohl hier dennoch die Frage erlaubt sein muss, ob Uwe Bührer kurz vor seinem Abschied noch alle Sportler gegen sich aufbringen möchte. Wir sprechen ganz sicher allen Aktiven, Zuschauern und Offiziellen beider Halbfinalteams aus dem Herzen wenn wir schreiben: „Lieber Uwe, lieber Nils, liebe ISHD - Inline-Skaterhockey Deutschland, meint ihr nicht auch, dass es geeignetere Zeitpunkte für Nachhilfe gibt, als die Zeit der Play Offs?“ Am Ende nervte „Uwes Rache“ beide Teams, mit dem Spielausgang hatte sie aber glücklicherweise nichts zu tun. Noch 5,25 Minuten zu spielen, 7:5 für Berlin. Zwei große Berliner Konterchancen und ein Überzahltor für Kassel später, nahm die Heimmannschaft 25 Sekunden vor dem Ende den Goalie vom Feld, Empty-Net-Tor, aus der Traum! Kassel zieht unter dem Strich nicht unverdient ins Finale ein, Herzlichen Glückwunsch dafür.

Aus der Traum? Aber welcher Traum eigentlich? Der Traum vom Finale? Bestimmt! Aber auch vom Aufstieg? Unsere Mannschaft aus Berlin war das erfolgreichste Team beider Staffeln der zweiten Bundesliga im Jahr 2018. Mehr „Präsidentstrophy“ geht nicht. Berlin wäre ein mehr als würdiger Aufsteiger gewesen, und aufgrund Kassels Gnaden wurde diese Option sogar real. Was erlebten wir nicht für Feiertage in dieser Saison. Ein Derby in der „Lilli“, auf Augenhöhe, mit gutem Sport und sensationellen Zuschauern, qualitativ und quantitativ. Auch die beiden Play Off Heimspiele boten tolle Werbung für unseren Sport und einen für Berliner Verhältnisse kaum für möglich gehaltenen Zuschauerrahmen. Nicht zuletzt sollen hier übrigens auch die sehr sportlichen und sympathischen Fans aus Kassel genannt sein. Gemeinsam mit den Berlin Buffalos spielten die Red Devils Berlin die wohl hochklassigste, erfolgreichste und insgesamt spektakulärste Saison ihrer Vereinsgeschichte und so begibt man sich unweigerlich auf die Suche nach dem Happy End. Wie bei den Kassel Wizards auch, gibt es ganz sicher viele sehr berechtigte Bedenken, welche gegen einen Aufstieg in die erste Liga sprechen, was dafür spricht ist allerdings der Sport. Das Risiko wieder abzusteigen gehört schlicht und ergreifend dazu. Sollten tolle Spieler wie Janis Grundhöfer, Bernhard Koers oder Niklas Pliz nicht erst einmal in der ersten Liga gespielt haben, um beurteilen zu können, wie sie im Leistungsvergleich abschneiden? Gehören Jungs wie Fabian Rudloff, Nico Spruck oder Louis Schmidt nicht eigentlich sowieso viel eher in die erste Bundesliga? Lukas Jentsch, Jan Krautmann, Tao Freyer, Raitis Dembowskis, Lennart May etc., klingt das, mit den anderen zusammen, nicht eigentlich klar nach erster Liga? Sollte obendrein ein Ausnahmespieler wie Mike Nagat nicht kurz bevor er komplett in Wolfsburg versauert noch einmal die Chance erhalten zu zeigen, dass es abgesehen von vielleicht Patty Schmitz im Entenstall der Nation aktuell niemanden gibt, der ihm das Wasser reichen kann?

Nicht immer entscheidet der Sport, was in jedem Fall schade ist, aber nicht unbedingt komplett falsch sein muss, ein Happy End hätten sich die Gebrüder Grimm aber ziemlich sicher ganz anders vorgestellt, in Kassel, aber ganz besonders in der Hauptstadt.