Header Auf den Punkt

Auf den Punkt

Wie Armstrong und Ulrich...

…oder, Gastfreundschaft im Breisgau

Der Schwabe, so würde der Berliner alle oberhalb von Hannover und nicht in NRW lebenden Menschen nennen, soll ja angeblich geizig sein. Gegeizt hat aber eher unsere Redaktion, mit Berichten, und das ganz ohne schwäbischen Beitrag. Obwohl. Stammt Rodrigos Familie nicht aus Spaichingen? Also sind doch die Schwaben schuld. Wie immer.

Dem Geiz zum Opfer gefallen sind Belege der einen oder andern kämpferischen Glanzleistung und die Nichtnominierung des besten 17jährigen Skaterhockeytorhüters welchen unsere Republik je gesehen hat, Janis Grundhöfer, für den finalen U19 Europameisterschaftskader. Ganz sicher hat auch das unseren Redakteuren die Sprache verschlagen! Zu resümieren gab es allerdings auch den Titel des Meisters der 2. Bundesliga Nord und den Abschluss der Hauptrunde als bestes Team der gesamten 2. ISHD Bundesliga, noch vor den legendären schwäbischen „Allesgewinnern“ des TV Augsburg. Die so erfolgreich abgeschlossene reguläre Saison führte uns in die Play Offs, diese wiederum in den Süden des Landes und somit an den Anfang der heutigen Geschichte.

Merdingen. Wer Merdingen hört, dem fällt nicht zwingend eine Inline-Skaterhockey spielende Mannschaft ein, sondern vielleicht das Team Telekom. Jan Ulrich stand dort einst auf der Gehaltsliste und gilt neben Hermann Brommer als größte Persönlichkeit Merdingens. Ein Lehrer und ein Fahrradfahrer aus Rostock, wir hätten gewarnt sein sollen.

Sonntag 07.10.2018. Irgendwo im Nirgendwo steht eine von Weitem durchaus charmant wirkende Skaterhockeyfläche. Mit jedem Meter, welcher einen der Spielstätte des HC Merdingen näherbringt, relativiert sich dieser Eindruck, bis man sich schließlich auf dem Boden der Tatsachen Beulen holt. Löcher in der Spielfläche, Löcher im Plexiglas, ungesicherte Glaskannten und Metallüberstände an der Bande, so gut wie unsichtbare Linien, zerfetzte Torinnennetze und so weiter…

…unweigerlich muss man an Uwe Bührer und Kollegen denken. An ausschweifende Vorträge bei Trainerausbildung oder ISHD Verbandstagen über Flächen und wie sie aussehen sollten. Die Vermutung liegt nahe, dass Uwe alle Aufnahmen für Negativbeispiele hier in Merdingen angefertigt hat, schließlich pfeift er ja für diesen Club. Anspruch und Wirklichkeit liegen wohl an keinem Ort weiter auseinander. 55 Minuten noch bis zum Spiel. Fast hätten wir die Zeit vergessen, jedenfalls kein Merdinger in Sicht, welcher uns daran gehindert hätte. Irgendwann erschienen Einheimische, der erste Volljährige ließ aber noch etwas auf sich warten. Als dann ein solcher den Ort des Geschehens betrat, baten wir freundlich um unsere Kabine und um die Beseitigung der grundsätzlich sicherheitsrelevanten Mängel. Zumindest einen Kabinenschlüssel gab es. Einen direkten Nutzen allerdings nicht, denn eine Benutzung der einige 100 Meter entfernten Umkleidemöglichkeit hätte eine pünktliche Rückkehr zum Spielbeginn unmöglich gemacht, da man in Ausrüstung und Skates eine Wiese und eine Asphaltpiste zu bewältigen gehabt hätte und nicht an einem Hockeyartikelfachgeschäft vorbeigekommen wäre, um die zerschlissenen Rollen zu ersetzen. Kurzerhand schoben die Spieler neben der Kabine der Einheimischen, welche überraschenderweise direkt an der Fläche lag, ein paar Bierbänke zusammen und kleideten sich um. Allerdings musste dieser Platz wieder geräumt werden, da sich dort in der Folge betrunken werden musste. Wie sie sich denken können liebe Leser, kam bei uns direkt Play Off Stimmung auf und als gerngesehene Gäste fühlten wir uns auch umgehend. Die Euphorie steigerte sich ins Unermessliche, als der Schiedsrichter, um die Entschärfung der minimalsten Sicherheitsrisiken auf der Spielfläche gebeten, extrem genervt reagierte. Ganz nach dem Motto: „Hier beschwert sich sonst auch niemand und passiert ist bisher auch nichts“. Brillante Logik und großes Verantwortungsbewusstsein! Zähneknirschend ließen die Refs. dann immerhin die defekte Scheibe reparieren, respektive die scharfkantigen Metallüberstände abkleben und revanchierten sich mit einer leicht tendenziösen Spielleitung pro Südnachbarn, auch wenn wir gern zugeben, dass sich dies im Rahmen des Erwartbaren bewegte. Vom Anpfiff weg spielte dann das Heimteam seinen Vorteil der bekannten Fläche aus und ging verdient mit 4:0 in Führung. Mit dieser Hypothek belastet, tat sich unser Team aus Berlin schwer. Wenn auch ab der 10. Minute klar feldüberlegen, schaffte man es nicht daraus Kapital zu schlagen. Es gelang nicht oft einen Spieler vor dem Tor der Gastgeber zu platzieren, so dass bei einem Schussverhältnis von gefühlt 25:100, nur wenig Zwingendes vor dem Tor produziert werden konnte. Die Spieler des HC Merdingen kämpften aufopferungsvoll und bei freier Sicht waren die teils verzweifelten Abschlussversuche von Devils bzw. Buffalos für Merdingens soliden Torhüter gut zu kontrollieren. Am Ende konnten Berlins Spieler 5 Bälle ins gegnerische Tor arbeiten, der HC konterte aber gefährlich und rettete nicht unverdient einen 7:5 Vorsprung über die Zeit. Mit verbalen Entgleisungen der Postspielzeit und weiter fehlender Souveränität und Unparteilichkeit der Schiedsrichter wollen wir sie nicht langweilen und springen sofort nach Berlin, denn dort in der Lilli-Henoch-Halle, musste die Entscheidung dieser Viertelfinalserie fallen. In der gut besuchten Heimstätte von Buffalos und Devils verstärkte sich Merdingen mit dem im Hinspiel gesperrten Topscorer Kinderknecht, Berlin freute sich über die Rückkehr der starken Fjodor Wilhelmovich Pjotor Perepelkin, Niklas Reinsberg und Niklas Pilz. Da sich aus der ehemaligen Sowjetunion stammende Bürger offenbar sehr gut verstehen, legte „Fedja“ auch gleich mal für Landsmann Kinderknecht auf, dass 0:1 sollte aber vorerst das letzte Gastgeschenk bleiben. Unterstützt vom Publikum strebte Berlin eine frühe Entscheidung an, ließ aber zu viele Chancen ungenutzt. Der Vorsprung Merdingens war nach dem ersten Drittel dennoch in einen Vorteil umgedreht. Minütlich schien sich die Überlegenheit der Hausherren zu steigern, gleichzeitig aber auch die Anfälligkeit für Konter. Obwohl Berlins Torhüter die eine oder andere Großchance der Gäste zunichtemachten, wurden die Breisgauer aufgrund eines unglaublichen Chancenwuchers am Leben gelassen, vermeintliche Vorentscheidungen wurden mehrfach verspielt und als kurz vor dem Ende alles klar zu sein schien, war ein Berliner Torhüter auf Drama programmiert. Ein unfassbarer Anfängerfehler Krautmanns brachte Merdingen die Hoffnung zurück, eine Unterzahl und etwas Zittern später, durfte Berlin aber den Halbfinaleinzug feiern. Diese Serie war letztlich knapper als nötig und man fühlte sich an die Tour de France erinnert. Wenn Jan Ulrich auch oft nah dran schien, er konnte und durfte Lance Armstrong eigentlich niemals besiegen, weil er einfach immer etwas weniger Sport getrieben hat als der Texaner, auch wenn sie beide den gleichen Arzt bevorzugten.

Wir danken unseren Zuschauern für die tolle Unterstützung, den Schiedsrichtern für eine unparteiliche Spielleitung, Feli und Anne gilt unser Dank fürs Zeitnehmen, den Damen am Buffet für die gute Versorgung von Zuschauern und Gästen und den Spielern des HC Merdingen für eine spektakuläre Viertelfinalserie. Wir hoffen das alle Spieler des Gästeteams wieder gut zu Hause angekommen sind und schätzen uns glücklich, dass wir sie nicht begleiten mussten, denn nach Merdingen ist einst bereits Jan Ulrich süchtig geworden.